Die Flucht

Der Fluchtweg der Familie Bressau:
Stacks Image 187
25. Januar 1945, morgens 5 Uhr Witterungs- bedingungen: Minus 20° C, Schneefall
Mit diesen Daten begann die Flucht für Mutter Herta Bressau und vier Töchter: Ruth (14), Erika (9), Helga (7) und Inge (4).
Der russische Angriff rollte nach Westen vor, schon seit Tagen hörte man Geschütze; die Bevölkerung Domnaus begann zu flüchten. Eine Flucht per Zug war schon nicht mehr möglich, da am Tag zuvor der Domnauer Bahnhof von den deutschen Truppen gesprengt worden war.
Opa Klein (Muttis Vater) lebte in Domnau am Marktplatz in seinem Haus. Seit Oma Klein gestorben war, kam er immer am Tage zu uns. Zum Schlafen ging er dann wieder in sein Haus in der Stadt am Marktplatz. Er wollte nicht mehr mit auf die Flucht gehen, er wollte auf alles aufpassen und alle hofften, daß es nur für kurze Zeit wäre. Alle redeten von der großen „Vergeltungswaffe“, die eingesetzt werden sollte und mit der die Russen zurückgeschlagen werden würden. Wir mußten nun schmerzlichen Abschied von Opa nehmen und von den zwei Polen, die bei uns auf dem Hof gearbeitet haben und mit uns flüchten wollten - sie hatten panische Angst vor den Russen. Beide wollten mit Frl. Patz, der Lehrerin, die bei uns oben im Haus wohnte, im vorbereiteten Pferdewagen flüchten.
Zurück zu unserer Familie. Mutti war allein mit den Kindern auf dem Hof voller Soldaten, Papa war zum Volkssturm nach Schippenbeil abkommandiert worden, zum Schützengraben ausheben. So mußte Mutti allein für die Fluchtvorbereitungen sorgen. Sie hatte am Vorabend auf dem schon verlassenen Sanitätspark mit einem dort noch tätigen Schreiber (angeblich Apotheker) abgemacht, mit einer am nächsten Morgen noch abfahrenden Zugmaschine vor den Russen zu flüchten.
So ging es also wie geplant los. Anzumerken ist noch, daß zwei Kinder, Helga und Inge, mit Fieber erkrankt waren. Alle waren dick für den ‘Winter verpackt, außerdem wurden auf die Zugmaschine eine 4 L Kanne Milch gepackt, eine Kiste mit
eingewecktem Schinken und Gänseschmalz, ebenso ein Wäschekorb mit Esswaren. (Unser Vater hatte schon Wochen zuvor 2 gummibereifte Planwagen für die Flucht herrichten lassen. Vor jeden sollten 2 Pferde gespannt werden. Auf den Wagen waren je ein Holzofen installiert, Betten aufgestellt und einige Habseligkeiten gepackt, von denen man sich nicht trennen wollte). Die Planwagen fuhren dann ohne uns, mit Frl. Patz, Frl. Thewes, einer anderen Lehrerin, und den beiden Russen los.
Auch für die gegenseitige Benachrichtigung war Sorge getragen. Im Zählerhäuschen hinterließ Mutti Nachricht, daß sie am 25.1. mit einer Zugmaschine der Wehrmacht aufgebrochen war. Die Kontakte mit dem Sanitätspark waren seinerzeit zwischen Vater und Herrn Biele aus Dissen/TW geknüpft worden. Herr Biele hatte damals dem Vater versprochen, daß unsere Familie im Ernstfall noch ausgefahren würde. Biele war am 25. aber schon weg, aber der o. g. Schreiber arrangierte dann die Flucht. Vater blieb noch bis zum 3./4. April beim Volkssturm im Kampf um Königsberg und floh dann nach Dänemark.
Damals stellten wir uns vor, mit dem Wagen bis nach Plön/Holstein (ca. 3.000 - 4.000 km) zu kommen. Von Tag zu Tag wurde uns aber klarer, daß es auf den Straßen kein Weiterkommen gab. Sie waren verstopft mit Kolonnen von Flüchtlingen und flüchtenden deutschen Truppeneinheiten.
Im Morgengrauen des Januartages ging es also los. Die Zugmaschine der deutschen Wehrmacht hatte noch einen Anhänger, auf dem sich 4 weitere Flüchtlinge und Zeltausrüstungen befanden. Diese Fahrt mit dem Rot-Kreuz-Wagen dauerte Stunden, obwohl es kaum 100 km bis Fischhausen an der Ostsee waren. In Königsberg waren schon russische Truppen, und wir mußten nahe an dieser Stadt vorbei. Wir hörten die Artillerie sehr nahe schießen und knallen.
Durch dichten Schneefall, vorbei an Flüchtenden aller Art ging es dann über Preußisch-Eylau nach Fischhausen. Endziel sollte Pillau sein. Aber in Fischhausen trafen wir uns auf dem dortigen Sanitätspark mit Onkel Paul Bressau, Oma Maria Bressau und den Kindern Irmgard (7) und Christa (3) sowie Tante Ruth Bressau (29) mit Kindern Günter (S), Irmgard (7) und Sigrid (5).
Wir trafen gegen Mitternacht ein, und zwar in einem dort eingerichteten Sanitätspark. Hier kreuzten sich auch wieder unsere Wege mit Onkel Paul und Kindern, Oma Maria, Tante Ruth und Kindern sowie mit Herrn Biele. Es gab Feldlagerquartier. Am nächsten Morgen gegen 4 Uhr weckten uns ans Fenster klopfende Soldaten mit den Rufen: „Sind hier Flüchtlinge? Alles zum Bahnhof!“
Alles wurde wieder zusammengerafft und mit Kind, Sack und Pack ging es zum Kleinstadt- Bahnhof - gegen Mittag fuhr der eiskalte Zug dann in Pillau ein.
Hier waren schon Tausende von Flüchtlingen zusammengerottet, alle darauf wartend, daß die von Dönitz angeordnete Evakuierung sie mit dem Schiff vor den heranrückenden russischen Streitkräften in Sicherheit bringen würde.
Hier in Pillau bekamen wir zunächst Unterkunft in einer Bäckerei, Onkel Paul ging dann los, um auszumachen, wie und wann es nun weiterginge. Mit Geld und guten Worten bekam er dann Karten für die „Gustloff“, mit der wir am nächsten Tag in See stechen sollten. Zunächst gab es aber nachts über Pillau noch einen Tieffliegerangriff, der immer deutlicher machte, daß die Russen im Vormarsch waren.
Am nächsten Morgen kam dann das Lauffeuer: „Die Gustloff ist untergegangen - mit Mann und Maus!“
Also ging Onkel Paul erneut auf Suche nach Ausreisemöglichkeiten, und die waren dann mit dem neuen Kriegsschiff „Wullenwever“ gegeben. (Lt. Lexikon: Wullenwever, Jürgen, um 1492 hingerichtet, Protestant und Gegner der Patrizier Lübecks, Bürgermeister von Lübeck - versuchte vergeblich, die erschütterte Vormachtstellung Lübecks wieder herzustellen).
Es erfolgte also bei eisigem Wind und Schneetreiben die Verladung aufs Schiff, und zwar durch Soldaten. Hierbei spielten sich erschütternde Szenen ab, denn durch die Hiobsbotschaft über den Untergang der „Gustloff“ waren alle geschockt und hatten Angst vor dem vielleicht drohenden nassen Seemannsgrab.
(Die Gustloff legte mit ca. 10600 Menschen an Bord ab, davon ca. 4000 Kinder, da es die Anweisung gab, vorwiegend Mütter und Kinder zu evakuieren. Die Gustloff wurde von einem russischen U-Boote mit drei Torpedotreffern versenkt. Ca. 9300 Menschen starben in der eiskalten Ostsee, nur 1239 konnten gerettet werden. Bis heute ist der Untergang der Gustloff die schlimmste Schiffskatastrophe der Menschheitsgeschichte)
Die Soldaten mußten also kräftig durchgreifen, auch Mutti hat erzählt, daß sie nur widerwillig mit uns an Bord ging. Man darf ja nicht vergessen, daß wir eingefleischte Binnenländer waren. Die Flucht über das Wasser war für uns die erste große Seereise.
Wie viele andere erschraken wir, als wir die überladenen Schiffe in den Häfen erblickten, die Menschentrauben an den Gangwaystrickleitern, die Wasserfontänen der Granateinschläge im Hafenbecken. Es hat Fliehende gegeben, die beim Anblick des rettenden Hafens umkehrten und in die brennenden Städte liefen. Bei manchen war die Furcht vor der See größer als die Furcht vor dem näherrückenden Krieg.
Kleine Tragödien fanden auch in unserem Kreis statt: Oma Marias Handtasche mit allen ihr am Herzen liegenden Dingen war plötzlich verschwunden, Katastrophenstimmung bei ihr. Ein Soldat fand die Tasche dann doch noch per Zufall zu seinen Füßen.
Andere Szene aus unserer Mitte: Bei den vielen Bressau-Kindern fungierten mehrere Aufsichtspersonen. So war unsere Ruth bei Ernsten’s polnischem Hausmädchen Frieda, die auch mit floh, an der Hand; beide wurden von uns getrennt, waren nicht an Bord als das Schiff schon zum Auslaufen Signal gab. Verzweifelt machte

Stacks Image 4
Mutti beide hinter dem Cordon von Soldaten aus, und in letzter Sekunde kamen beide noch mit auf das Schiff.
Auf dem Schiff, das mit Flüchtlingen überladen war, richteten wir uns so gut es ging ein. Im Laufe des vormittags legten wir ab. Die Fahrt ging dann im Geleitzug mit anderen kleinen Schiffen in Richtung Sassnitz/Rügen. Am nächsten Morgen waren wir aber erst in Danzig - in der Nacht wurden etliche Kursänderungen vom Kapitän vorgenommen, weil ein Schiff des Geleitzuges torpediert worden und untergegangen war. Von Danzig ging es in vier weiteren Tagen bis nach Sassnitz auf Rügen. Man schrieb den 30. Januar 1945, als wir hier ankamen; doch vorerst durfte niemand das Schiff verlassen, weil an Bord Typhusverdacht festgestellt worden war.
Ärztliche Kontrollen wurden durchgeführt und nach etlichen Stunden wurde die Erlaubnis für die Flüchtlinge zum Verlassen der „Wullenwever“ gegeben.
Wir waren jetzt also auf Rügen. Wie sollte es nun weitergehen? Onkel Paul bekam direkt vom Schiff Order nach Berlin, es hieß damals: „Zu Aufräumungsarbeiten“. Oma Maria und Kinder fuhren mit einem Zug nach Plön/Holstein. Tante Ruth und Kinder sowie Mutti und Kinder wurden zunächst in einer Sassnitzer Schule untergebracht. Aber auch die war bald überfüllt, so daß wir auf einen Gutshof mit Namen „Sargath“ gebracht wurden und dort unterkamen.
Hier blieben wir in bäuerlicher, aber beengter Umgebung bis zum 18. März 1945, bis uns Onkel Ernst - der inzwischen auch nach Plön/Holst. geflohen war - mittels der Frauenhilfe alle nach dorthin beorderte.
Am 18. März, nachts, sollte der Zug von Sassnitz abfahren. Es dauerte aber fast 10 Stunden quälender Wartezeit, bis der mit Flüchtlingen voll gepropfte Zug sich endlich in Richtung Holstein in Bewegung setzte.
Damit es nicht in Vergessenheit gerät: Es war ein wunderbarer Frühling, dieser Frühling des Jahres 45. Die Forsythien blühten im März, Kastanien und Linden grünten vor ihrer Zeit, und in den Buchenwäldern Ostholsteins wucherten die weißen Teppiche der Buschwindröschen. Wenigstens die
Natur empfand Mitleid, milderte mit ihrer Wärme das Elend jener „letzten Tage“.
In Plön wohnten wir fast 8 Wochen, ziemlich beengt, aber doch geduldet, bei Tante Grete im Steinbergweg 10. Dann kam - 10 Tage vor Kriegsende - die Besetzung der Stadt Plön durch die Engländer und das Haus mußte geräumt werden. Der Krieg hatte uns also doch wieder eingeholt. Es mag militärische Gründe gegeben haben, noch im Mai 45 die Straßen und den Hafen Schleswig Holsteins aus der Luft anzugreifen. Die Flensburger Förde war ein riesiger Sammelplatz der deutschen verbliebenen Handels- und Kriegsschiffe.
Flensburg wurde für 3 Wochen provisorische Hauptstadt Deutschlands. Die Marineschule in Mürwitz war Sitz einer Regierung für den letzten Akt des Dramas 2. Weltkrieg.
Durch Zufall erfuhr Mutti von einer Nachbarin von der Möglichkeit, in Stadtheide in einem Kohlenkeller unterzukommen, und so lebten wir dann in diesem Keller - mehr Loch als Wohnraum - bis zum 19. Oktober 1946, also fast ein ganzes Jahr. Die Plöner Seenplatte entschuldigte bis zu einem gewissen Grade die Dürftigkeit dieses Zeitabschnitts.
Im Oktober 46 holte uns dann ein LKW von der Firma Auto-Herbst in Dissen nach Dissen im Teutoburger Wald. Dies war dadurch ermöglicht, daß Onkel Paul Erkundigungen über Fritz Biele eingeholt hatte, dessen Adresse er ausgekundschaftet hatte und wir so nach Dissen kamen.
In Dissen wohnten wir als erstes in dem zum Hotel und Schlachterei Horst gehörenden Schlachthaus - also vom Kohlenkeller in eine fast ebensolche Unterkunft für unsere 5-köpfige Familie.
Erst als Vater Fritz kurz vor Weihnachten 1946 aus Dänemark heimkehrte, bekamen wir im Nachbarhaus Schöwerling/Große Straße, eine menschenwürdigere Unterkunft.